Kurz gesagt: Die Türkisch Angora hat mit rund 46 % eine der höchsten Typ-B-Häufigkeiten unter den Katzenrassen (Arıkan 2003). Die Blutgruppe wird vom CMAH-Gen bestimmt und ist ein völlig gesundes Merkmal, keine Krankheit. Relevant wird sie bei der Zucht: Eine Typ-B-Kätzin, verpaart mit einem Typ-A-Kater, kann Typ-A-Kitten mit neonataler Isoerythrolyse bekommen. Ein DNA-Test sagt die Gruppe voraus, ist aber rassenabhängig und ersetzt die serologische Bestimmung im Tierlabor nicht — er ist kein Diagnosewerkzeug.
Blutgruppen A/B/AB und das CMAH-Gen
Das AB-Blutgruppensystem der Katze kennt drei Typen: A, B und AB. Das CMAH-Gen kodiert ein Enzym, das einen Zucker an der Oberfläche der roten Blutkörperchen umwandelt — konkret NeuAc zu NeuGc. NeuGc ist das Typ-A-Antigen. Sind beide Kopien des CMAH-Gens funktionsfähig, entsteht NeuGc und die Katze ist Typ A. Sind beide Kopien funktionslos, bleibt nur NeuAc übrig und die Katze ist Typ B — Typ B wird also rezessiv vererbt, A ist dominant über B (Bighignoli et al. 2007, PMID 17916260). Der Typ AB beruht auf einem separaten Mechanismus, einer eigenen CMAH-Variante (c.364C>T, vor allem bei der Ragdoll beschrieben; Gandolfi et al. 2016, PLOS One), und ist mit unter 1 % sehr selten. Wichtig: Typ-B-Katzen tragen von Natur aus starke Anti-A-Antikörper — auch ohne je eine Bluttransfusion erhalten zu haben.
Warum Typ-B-Kätzinnen NI riskieren
LenaKann diese Blutgruppe für die Kitten gefährlich werden? Jonas ReuterJa, bei einer bestimmten Verpaarung. Silvestre-Ferreira und Pastor 2010 beschreiben die neonatale Isoerythrolyse als Folge der Anti-A-Antikörper einer Typ-B-Mutter.Der kritische Punkt ist die Zucht. Wird eine Typ-B-Kätzin mit einem Typ-A- (oder AB-)Kater verpaart, können Typ-A-Kitten entstehen. Über das Kolostrum — die erste Muttermilch — nehmen diese Kitten die starken Anti-A-Antikörper der Mutter auf. Diese Antikörper zerstören die roten Blutkörperchen der Kitten: neonatale Isoerythrolyse (NI). Betroffene Kitten schwächeln oder sterben, zeigen Pigmenturie (dunkler Urin) und mitunter eine Schwanzspitzen-Nekrose. Das Management bei einer solchen bekannten Verpaarung: Man hält in den ersten etwa 16 bis 24 Stunden das Kolostrum der Mutter fern und lässt die Kitten von einer Typ-A-Amme aufziehen oder zieht sie in dieser Zeit von Hand auf, bis der Darm keine Antikörper mehr aufnimmt (Silvestre-Ferreira & Pastor 2010). Danach ist das Säugen an der eigenen Mutter unbedenklich.
Türkisch Angora und die Zahlen — DNA gegen Serologie
LenaWie hoch ist das Risiko bei der Türkisch Angora denn konkret? Jonas ReuterAuffällig hoch. Arıkan et al. 2003 fanden bei 28 Angoras 46,4 % Typ B — eine der höchsten Raten überhaupt.Arıkan et al. 2003 (J Vet Med A 50(6):303, PMID 12887623) untersuchten 28 Türkisch Angoras und fanden 53,6 % Typ A, 46,4 % Typ B und 0 % Typ AB. Damit gehört die Rasse zu den Rassen mit der höchsten Typ-B-Häufigkeit, bestätigt im Review von Silvestre-Ferreira & Pastor 2010 (PMID 20631821). Genau hier liegt der wichtigste Ehrlichkeitspunkt: Ein DNA-Test auf die CMAH-Varianten ist rassenabhängig und ersetzt die Serologie nicht. Kehl, Mueller & Giger 2019 (Anim Genet 50(4), PMID 30854707) fanden bei Rex-Rassen trotz hoher serologischer B-Häufigkeit im Genotyp keine Typ-B-Tiere — die bekannten CMAH-Varianten erklärten den Phänotyp dort nicht. Die Autoren halten fest, die Genotypisierung sei „noch kein Ersatz für die immunhämatologische Untersuchung”. Ein DNA-Test ist für die Zuchtplanung nützlich, eine echte Zucht- oder Transfusionsentscheidung muss aber durch eine serologische Blutgruppenbestimmung im Tierlabor bestätigt werden.
| Rasse | Typ-B-Häufigkeit (serologisch, ca.) |
|---|---|
| Türkisch Van | 60 % |
| Türkisch Angora | 46 % |
| Devon Rex | 41 % |
| Cornish Rex | 33 % |
| Sphynx | 17 % |
Werte gerundet nach Silvestre-Ferreira & Pastor 2010 und Arıkan et al. 2003.
Transfusionssicherheit
LenaUnd wenn so eine Katze mal eine Bluttransfusion braucht? Jonas ReuterDann ist Typkompatibilität überlebenswichtig. Wegen der vorbestehenden Anti-A-Antikörper kann laut Silvestre-Ferreira & Pastor 2010 schon die erste falsche Transfusion tödlich hämolysieren.Weil Typ-B-Katzen bereits von Natur aus starke Anti-A-Antikörper besitzen, ist eine typinkompatible Transfusion — Typ-A-Blut in eine Typ-B-Katze — schon beim ersten Mal gefährlich. Anders als bei manchen anderen Spezies braucht es keine vorherige Sensibilisierung: Es kann sofort zu einer akuten, tödlichen Hämolyse kommen. Deshalb gilt in der Praxis vor jeder Transfusion die serologische Blutgruppenbestimmung und die Kreuzprobe (Cross-Match) im Tierlabor als Standard. Ein DNA-Ergebnis allein reicht dafür nicht — die Entscheidung am Behandlungstag beruht auf der aktuellen serologischen Typisierung.
Was ein DNA-Test kann und was nicht
LenaLohnt sich ein DNA-Test für die Zucht dann trotzdem? Jonas ReuterAls Planungshilfe ja, als Ersatz nein. Kehl et al. 2019 betonen, dass die Genotypisierung die immunhämatologische Untersuchung nicht ersetzt.Ein DNA-Test sagt die Blutgruppe voraus und kann in der Zuchtplanung helfen, Verpaarungen mit NI-Risiko frühzeitig einzuschätzen. Was er nicht kann: Er ist rassenabhängig, erfasst nicht zwangsläufig alle für eine Rasse relevanten Varianten (siehe die Rex-Diskrepanz bei Kehl et al. 2019) und ersetzt die serologische Typisierung im Tierlabor nicht. Ein DNA-Test schließt insbesondere kein NI-Risiko sicher aus — dafür sind die serologische Bestimmung beider Elterntiere und das entsprechende Kolostrum-Management maßgeblich. Und: Die Blutgruppe ist ein Merkmal, keine Diagnose. Eine Typ-B-Türkisch-Angora ist völlig gesund. Geht es um kranke oder schwächelnde Kitten oder um eine konkrete Zucht- bzw. Transfusionsentscheidung, gehört das in die Hände einer Tierärztin oder eines Tierarztes.
Häufige Fragen (FAQ)
Q. Ist die Blutgruppe B eine Krankheit?
Nein. A, B und AB sind normale Merkmale des AB-Blutgruppensystems. Eine Typ-B-Türkisch-Angora ist völlig gesund; relevant wird die Gruppe nur für Zucht und Transfusion.
Q. Wie entsteht neonatale Isoerythrolyse (NI) und wie beugt man vor?
Eine Typ-B-Kätzin, verpaart mit einem Typ-A- oder AB-Kater, kann Typ-A-Kitten bekommen. Deren rote Blutkörperchen werden durch die Anti-A-Antikörper im Kolostrum zerstört. Vorbeugen lässt sich durch typgerechte Verpaarungsplanung und, bei Risikoverpaarung, durch Vorenthalten des mütterlichen Kolostrums in den ersten etwa 16–24 Stunden (Silvestre-Ferreira & Pastor 2010).
Q. Reicht ein DNA-Test, oder brauche ich zusätzlich eine serologische Bestimmung?
Für verbindliche Zucht- und Transfusionsentscheidungen brauchen Sie die serologische Typisierung im Tierlabor. Der DNA-Test ist rassenabhängig und ersetzt die immunhämatologische Untersuchung nicht (Kehl, Mueller & Giger 2019). Er kann kein NI-Risiko sicher ausschließen.
Q. Warum ist eine falsche Bluttransfusion sofort gefährlich?
Typ-B-Katzen tragen bereits ohne vorherige Transfusion starke Anti-A-Antikörper. Erhält eine Typ-B-Katze Typ-A-Blut, kann schon die erste Transfusion eine akute, potenziell tödliche Hämolyse auslösen. Deshalb wird vor jeder Transfusion serologisch typisiert und gekreuzt.
Quellen
- Arıkan et al. 2003, J Vet Med A 50(6):303 (PMID 12887623): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12887623/
- Silvestre-Ferreira & Pastor 2010, Review (PMID 20631821): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2899707/
- Kehl, Mueller & Giger 2019, Anim Genet 50(4) (PMID 30854707): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6520129/
- Bighignoli et al. 2007, BMC Genet 8:27 (PMID 17916260): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17916260/
- OMIA:000119-9685 (CMAH, Katze): https://www.omia.org/OMIA000119/9685/
- Türkisch Angora (Rasseporträt): https://tica.org/turkish-angora-breed/
Titelbild: Türkisch Angora von Empire.ottoman, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
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