Deutscher Schäferhund und degenerative Myelopathie (DM / SOD1): Was die Forschung zeigt

Deutscher Schäferhund Deutsch

Kurz gesagt: Der Deutsche Schäferhund ist Deutschlands beliebteste Hunderasse (VDH-Welpenstatistik 2024, Platz 1) und zugleich eine der Rassen, in denen die SOD1-Risikovariante der degenerativen Myelopathie (DM) erstmals beschrieben wurde (Awano et al. 2009). DM ist eine langsam fortschreitende Rückenmarkserkrankung älterer Hunde, die in ihrem Verlauf der menschlichen ALS ähnelt. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv mit altersabhängiger, unvollständiger Penetranz. Ein DNA-Test liefert deshalb nur eine Risiko-Einstufung — frei, Träger oder erhöhtes Risiko — und keine Diagnose: Ein Träger (eine Kopie) erkrankt in der Regel nicht, und selbst „erhöhtes Risiko” (zwei Kopien) bedeutet nicht sicher eine Erkrankung. Die Diagnose stellt die Tierärztin oder der Tierarzt klinisch durch Ausschluss anderer Ursachen. Ein einmaliger Test ist vor allem für Zuchtentscheidungen und Aufklärung nützlich. Eine Heilung gibt es nicht, nur unterstützende Pflege.

Was DM und das SOD1-Gen sind

Diese Seite enthält Affiliate-Werbung. Sie ist eine informative Zusammenfassung veröffentlichter, begutachteter Evidenz und nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu diagnostizieren, zu behandeln oder ihnen vorzubeugen. Bei Symptomen oder Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte stets an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
LenaLenaIch habe gelesen, DM ähnle der menschlichen ALS — stimmt das wirklich? Jonas ReuterJonas ReuterJa, im Krankheitsbild gibt es Parallelen: Awano et al. beschrieben 2009 die SOD1-Variante, die auch bei manchen ALS-Formen des Menschen im selben Gen liegt — deshalb das große Forschungsinteresse.

Die degenerative Myelopathie (DM) ist eine langsam fortschreitende Degeneration des Rückenmarks, die typischerweise im Erwachsenen- oder Seniorenalter beginnt. In ihrem Verlauf — dem allmählichen Verlust von Nervenbahnen, die die Hinterhand steuern — ähnelt sie der menschlichen amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Das ist auch der Grund, warum die Erkrankung über die Tiermedizin hinaus wissenschaftliches Interesse geweckt hat.

Als wichtigste genetische Risikovariante gilt die Punktmutation SOD1 c.118G>A, die Awano und Kollegen 2009 in den PNAS beschrieben haben. Sie betrifft das Gen für die Superoxid-Dismutase 1 — dasselbe Genumfeld, das auch bei manchen menschlichen ALS-Formen eine Rolle spielt. Ein Nachweis dieser Variante bedeutet ein erhöhtes Risiko, nicht mehr und nicht weniger.

Der Deutsche Schäferhund und DM

LenaLenaWie viele Schäferhunde tragen diese Variante denn überhaupt? Jonas ReuterJonas ReuterEine einzelne feste Zahl gibt es nicht: Zeng et al. (2014) zeigten, dass die Allelfrequenz stark nach Rasse und Region schwankt — Werte aus einer Population gelten nicht automatisch für eine andere.

Der Deutsche Schäferhund ist laut VDH-Welpenstatistik 2024 die beliebteste Rasse Deutschlands. Zugleich gehört er zu den Rassen, an denen die SOD1-Variante ursprünglich beschrieben wurde (Awano et al. 2009). Diese historische Verbindung erklärt, warum DM gerade bei dieser Rasse häufig thematisiert wird und der Test hier besonders verbreitet ist.

Wie häufig die Risikovariante vorkommt, lässt sich nicht mit einer einzigen globalen Zahl angeben. Die Allelfrequenz variiert deutlich je nach Rasse und Region; die breit angelegte Untersuchung von Zeng et al. (2014) zeigte eine sehr unterschiedliche Verteilung der SOD1-Allele über verschiedene Rassen hinweg. Zahlen aus einer Population lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf eine andere übertragen.

Warum DM wichtig ist

LenaLenaMein Hund schleift manchmal mit den Hinterpfoten — ist das automatisch DM? Jonas ReuterJonas ReuterNicht automatisch. Solche Zeichen passen auch zu einem Bandscheibenvorfall, der oft behandelbar ist. DM ist eine Ausschlussdiagnose — die Tierärztin klärt zuerst andere Ursachen ab (OFA).

DM beginnt meist unauffällig und in der Regel schmerzlos: mit einer schwankenden, unsicheren Hinterhand, schleifenden Hinterpfoten oder Koordinationsproblemen. Über Wochen und Monate schreitet die Schwäche fort und kann bis zur Lähmung der Hinterläufe führen. Eine Heilung gibt es nicht — im Vordergrund stehen unterstützende Pflege, Physiotherapie und Anpassungen im Alltag, die Lebensqualität möglichst lange erhalten.

Entscheidend ist: DM ist eine Ausschlussdiagnose. Die Beschwerden ähneln denen eines Bandscheibenvorfalls oder anderer Rückenmarkserkrankungen, die oft behandelbar sind. Deshalb muss die Tierärztin oder der Tierarzt diese Ursachen zuerst ausschließen, bevor der Verdacht auf DM überhaupt begründet ist.

Rezessiver Erbgang und unvollständige Penetranz

LenaLenaWenn zwei Kopien da sind, ist die Erkrankung dann sicher? Jonas ReuterJonas ReuterNein. Wegen der unvollständigen Penetranz erkrankt auch ein Hund mit zwei Kopien nicht zwangsläufig (Awano 2009) — das Ergebnis ist eine Wahrscheinlichkeit, kein festgelegter Verlauf.

Die SOD1-Variante wird autosomal-rezessiv vererbt. Der Test ordnet einen Hund einer von drei Kategorien zu: frei (N/N, keine Kopie), Träger (N/DM, eine Kopie) oder erhöhtes Risiko / „at risk” (DM/DM, zwei Kopien). Ein Träger mit nur einer Kopie erkrankt in der Regel nicht, kann die Variante aber an Nachkommen weitergeben — das ist vor allem für die Zucht relevant.

Selbst ein Hund mit zwei Kopien, also mit „erhöhtem Risiko”, entwickelt nicht zwangsläufig eine DM. Grund ist die altersabhängige, unvollständige Penetranz: Die Anlage ist vorhanden, führt aber nicht bei jedem Hund und nicht zwingend zu Lebzeiten zur Erkrankung. Ein Ergebnis „erhöhtes Risiko” ist deshalb eine Wahrscheinlichkeitsaussage, keine Vorhersage eines sicheren Verlaufs.

Was der DNA-Test aussagt und was nicht

LenaLenaWozu ist der Test dann überhaupt gut, wenn er nichts diagnostiziert? Jonas ReuterJonas ReuterEr erfasst die bekannte SOD1-Variante und hilft vor allem bei Zuchtentscheidungen und Aufklärung (OFA). Für die eigentliche Diagnose braucht es die tierärztliche Ausschlussuntersuchung.

Der DNA-Test erfasst die bekannte SOD1-Variante und liefert daraus eine Risiko-Einstufung — frei, Träger oder erhöhtes Risiko. Er sagt nicht voraus, ob und wann ein Hund tatsächlich erkrankt, und er ist keine klinische Diagnose. Ein „at risk”-Ergebnis bedeutet nur eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, nicht eine bestehende oder sichere Erkrankung.

Die klinische Diagnose einer DM stellt allein die Tierärztin oder der Tierarzt, indem andere Rückenmarkserkrankungen ausgeschlossen werden; die endgültige Bestätigung erfolgte historisch erst post mortem. Der eigentliche Nutzen des einmaligen Tests liegt daher in Zuchtentscheidungen und in der Aufklärung von Halterinnen und Haltern — er ersetzt nicht die tierärztliche Untersuchung.

Häufige Fragen

Q. Mein Schäferhund ist „at risk” — bekommt er sicher DM?
Nein. „At risk” ist eine Risiko-Einstufung mit zwei Kopien der Variante, keine Diagnose. Wegen der unvollständigen Penetranz erkrankt auch ein solcher Hund nicht zwangsläufig. Ob eine DM vorliegt, klärt die Tierärztin oder der Tierarzt klinisch durch Ausschluss anderer Ursachen.

Q. Erkrankt ein „Träger”?
Ein Träger hat nur eine Kopie der Variante und erkrankt bei diesem rezessiven Erbgang in der Regel nicht. Er kann die Variante jedoch an Nachkommen weitergeben, weshalb das Ergebnis vor allem für Zuchtentscheidungen wichtig ist.

Q. Kann man DM vorbeugen oder heilen?
Es gibt keine Heilung und kein Mittel, das eine DM sicher verhindert. Möglich ist nur unterstützende Pflege wie Physiotherapie und Anpassungen im Alltag, um die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. In der Zucht kann der Test helfen, die Weitergabe der Variante zu steuern.

Q. Ist das Ergebnis lebenslang gültig?
Das genetische Ergebnis selbst ändert sich nicht — die DNA bleibt gleich. Es bleibt aber immer eine Risiko-Einstufung und keine Diagnose. Ob und wann sich klinische Zeichen zeigen, sagt der Test nicht voraus; das beurteilt die Tierärztin oder der Tierarzt im Verlauf.

Literatur

So lassen Sie Ihr Tier testen

Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.

Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich DM (SOD1) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet.

Innerhalb der EU / in Deutschland

Wisdom Panel Premium
DM (SOD1):✓ Ja
Cheek swab; 265+ conditions including MDR1 and DM (SOD1).
Orivet
DM (SOD1):✓ Ja
Standalone tests incl. MDR1 (ivermectin sensitivity) and Degenerative Myelopathy (DM). Serves many countries.
WSU PrIMe / VCPL (discovered MDR1)
DM (SOD1):Unbestätigt
Dr. Mealey’s lab — the group that discovered ABCB1-1Δ. Direct-to-owner MDR1 test. DM: verify.
Wisdom Panel Premium
DM (SOD1):✓ Ja
Wangenabstrich; Panel inkl. MDR1 und DM (SOD1).
Feragen
DM (SOD1):Unbestätigt
Österreich (Marke dna-test-hund.de für DE). MDR1-Defekt einzeln oder im Rassetest. DM: bitte prüfen.
Laboklin
DM (SOD1):✓ Ja
Fachlabor. MDR1-Genvariante sowie DM (beide SOD1-Varianten c.118G>A / c.52A>T, u. a. Berner Sennenhund). Einsendung über die Tierarztpraxis.

Außerhalb der EU

Embark (Breed + Health)
DM (SOD1):✓ Ja
Cheek swab; multi-condition health panel that includes MDR1 and DM (SOD1).
Basepaws Dog DNA
DM (SOD1):Unbestätigt
Dog health panel includes MDR1. DM (SOD1): verify on the product page.
Orivet
DM (SOD1):✓ Ja
Standalone tests incl. MDR1 (ivermectin sensitivity) and Degenerative Myelopathy (DM). Serves many countries.
Paw Print Genetics
DM (SOD1):Unbestätigt
Clinical-grade lab; standalone MDR1. Other conditions incl. DM: verify on the product page.

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Über den Autor

Jonas Reuter

Jonas Reuter

Redaktion & Text (kein Tierarzt)

Autor mit molekularbiologischem Hintergrund und langjähriger Hunde- und Katzenhalter. Kein Tierarzt – er übersetzt begutachtete Genetik-Forschung und Primärdaten in verständliche Sprache, stets als Information und nicht als Diagnose.

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