Kurz gesagt: Beim Dackel (einer deutschen Ursprungsrasse, FCI-Standard Nr. 148) wird die erbliche Progressive Retinaatrophie in Form von cord1/crd4 durch das Gen RPGRIP1 verursacht — nicht durch prcd/PRCD wie bei vielen anderen Rassen. Die Vererbung ist autosomal-rezessiv: Nur Hunde mit zwei mutierten Kopien können erkranken, Träger mit einer Kopie sind klinisch gesund. Ein DNA-Test liefert genetische Risikoinformation für genau diese Variante — er ist keine klinische Diagnose und ersetzt die augenärztliche Untersuchung nicht.
Warum beim Dackel RPGRIP1 (cord1) und nicht prcd
„PRA“ ist ein Sammelbegriff für mehrere erbliche Netzhauterkrankungen, die genetisch unterschiedliche Ursachen haben können. Bei vielen Rassen steht die prcd-Form (Gen PRCD) im Vordergrund — beim Dackel jedoch nicht. Die für den Miniatur-Langhaardackel (Zwergteckel) dokumentierte Form heißt cord1 bzw. crd4 und geht auf eine Mutation im Gen RPGRIP1 zurück, die von Mellersh und Kollegen 2006 beschrieben wurde (PMID 16806805).
Deshalb ist die Wahl des richtigen Tests wichtig: Ein prcd-Test würde beim Dackel die relevante Variante gar nicht erfassen. Passend dazu fand eine japanische Studie an 100 Miniatur-Dackeln 0 % prcd — was unterstreicht, dass beim Dackel RPGRIP1 und nicht PRCD die klinisch bedeutsame Variante ist. Der Dackel ist im Übrigen eine deutsche Ursprungsrasse (FCI Gruppe 4, Standard Nr. 148), deren ältester Klub, der Deutsche Teckelklub e.V., 1888 gegründet wurde und über VDH/DTK registriert (VDH).
Was die RPGRIP1-Mutation macht
LenaUnd was genau ist bei RPGRIP1 kaputt? Jonas ReuterEs ist eine 44-Basenpaar-Insertion in Exon 2, die zu einer Leserasterverschiebung und einem vorzeitigen Stopcodon führt (Mellersh et al. 2006; OMIA:001432-9615).RPGRIP1 ist ein Protein, das für Funktion und Struktur der Photorezeptoren wichtig ist — insbesondere für die Verbindung im sogenannten Verbindungszilium der Sehzellen. Die dokumentierte Variante ist eine 44-bp-Insertion in Exon 2, die das Leseraster verschiebt (Frameshift) und ein vorzeitiges Stopcodon erzeugt. Das Resultat ist ein verkürztes, funktionsloses Protein.
Fehlt das intakte Protein, degenerieren die Photorezeptoren im Sinne einer Zapfen-Stäbchen-Degeneration (cone-rod), was schrittweise zu Sehverlust bis hin zur Erblindung führen kann. Die molekulargenetische Einordnung ist in OMIA:001432-9615 dokumentiert. Wichtig ist jedoch: Der Zusammenhang zwischen Genotyp und Krankheitsverlauf ist nicht starr — dazu gleich mehr.
Symptome und Verlauf — mit dokumentierter Variabilität
LenaHeißt „zwei Kopien“ automatisch früh blind? Jonas ReuterNein — Miyadera et al. (2009, PMC2779058) beschrieben eine Genotyp-Phänotyp-Diskordanz mit einem Modifikator-Locus, sodass nicht jeder „betroffene“ Genotyp gleich früh Symptome zeigt.Typischerweise äußert sich eine fortschreitende Netzhautdegeneration zunächst in nachlassender Sehleistung, die im Verlauf zunehmen kann. Weil es sich um eine Zapfen-Stäbchen-Degeneration handelt, kann das Sehen sich über die Zeit verschlechtern, bis hin zur Erblindung.
Entscheidend für eine ehrliche Beratung ist jedoch die dokumentierte Variabilität: Miyadera und Kollegen (2009) beschrieben eine Genotyp-Phänotyp-Diskordanz und einen Modifikator-Locus (Kontext siehe Mellersh 2006). Das bedeutet, dass der RPGRIP1-Genotyp allein den Zeitpunkt und die Ausprägung der Symptome nicht vollständig vorhersagt. Genau deshalb ist der DNA-Test eine Risikoinformation und keine Prognose im Einzelfall — die klinische Beurteilung bleibt Aufgabe der augenärztlichen Untersuchung.
frei · Träger · betroffen — und die Zuchtmathematik
LenaKönnen zwei Träger zusammen verpaart werden? Jonas ReuterBei autosomal-rezessivem Erbgang ergibt Träger × Träger rein statistisch 25 % betroffene, 50 % Träger und 25 % freie Welpen — Träger × frei dagegen keine betroffenen Welpen.Der Test meldet drei mögliche Ergebnisse: frei (clear), Träger (carrier) und betroffen (affected). Da die Variante autosomal-rezessiv vererbt wird, sind zwei mutierte Kopien nötig, um erkranken zu können. Träger mit nur einer Kopie sind klinisch gesund, geben die Variante aber weiter. Wer verantwortungsvoll züchten will, kann mit dem Test-Ergebnis Verpaarungen so planen, dass keine betroffenen Welpen entstehen.
| Verpaarung | Statistisches Welpen-Risiko |
|---|---|
| frei × frei | alle frei — keine Träger, keine betroffenen |
| Träger × frei | ca. 50 % frei, 50 % Träger — keine betroffenen Welpen |
| Träger × Träger | ca. 25 % frei, 50 % Träger, 25 % betroffen |
| betroffen × frei | alle Welpen Träger — keine betroffenen (aber alle tragen die Variante) |
Zur Häufigkeit in der deutschen Population: Die Variante galt historisch als häufig beim Miniatur-Langhaardackel, ist unter zunehmendem Einsatz von Gentests aber rückläufig. Eine saubere, veröffentlichte Trägerfrequenz für die deutsche Population liegt hier nicht belastbar vor — daher wird bewusst keine Prozentzahl angegeben.
Was der Test kann und was nicht — keine Diagnose
LenaErsetzt der DNA-Test dann den Augentierarzt? Jonas ReuterNein — der Test prüft nur diese RPGRIP1-Variante; die klinische Diagnose stellt eine Fachtierärztin oder ein Fachtierarzt für Augenheilkunde per ECVO-/DOK-Untersuchung und ggf. ERG.Ein DNA-Test für RPGRIP1 (cord1/crd4) liefert Risikoinformation für genau diese eine Variante. Er erfasst keine anderen PRA-Gene und stellt keine klinische Diagnose. Die tatsächliche Beurteilung des Netzhautzustands erfolgt durch eine augenärztliche Untersuchung (ECVO / DOK-Untersuchung), gegebenenfalls ergänzt durch eine Elektroretinographie (ERG).
Der Test ergänzt die Augenuntersuchung, ersetzt sie aber nicht. Gerade wegen der dokumentierten Genotyp-Phänotyp-Variabilität ist die Kombination aus genetischer Information und regelmäßiger augenärztlicher Kontrolle der sinnvolle Weg — sowohl für Halterinnen und Halter als auch für die Zuchtplanung.
Häufige Fragen (FAQ)
Q. Ist beim Dackel prcd oder RPGRIP1 relevant?
Beim Dackel ist RPGRIP1 (cord1/crd4) die dokumentierte Variante, nicht prcd. Ein prcd-Test erfasst die für den Dackel relevante Mutation nicht (Mellersh et al. 2006).
Q. Wird mein Hund sicher blind, wenn er „betroffen“ ist?
Nicht zwingend zum selben Zeitpunkt oder in gleicher Ausprägung. Miyadera et al. (2009) dokumentierten eine Genotyp-Phänotyp-Diskordanz mit Modifikator-Locus. Der Test ist Risikoinformation, keine Einzelfall-Prognose.
Q. Sind Träger krank?
Nein. Träger tragen eine mutierte Kopie, sind aber klinisch gesund. Erst zwei mutierte Kopien (autosomal-rezessiv) begründen das Erkrankungsrisiko.
Q. Ersetzt der DNA-Test die Augenuntersuchung?
Nein. Die klinische Diagnose stellt eine Fachtierärztin oder ein Fachtierarzt für Augenheilkunde (ECVO/DOK, ggf. ERG). Der DNA-Test ergänzt diese Untersuchung, ersetzt sie nicht.
Quellen
- Mellersh CS et al. 2006, Genomics 88(3):293–301, PMID 16806805 — https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16806805/
- OMIA:001432-9615 (RPGRIP1, cord1/crd4, Hund) — https://omia.org/OMIA001432/9615/
- Miyadera K et al. 2009 (Genotyp-Phänotyp-Diskordanz, Modifikator-Locus) — https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2779058/
- FCI-Standard Nr. 148 (Dachshund/Teckel) — http://www.fci.be/Nomenclature/Standards/148g04-en.pdf
- VDH — Deutsche Rassen — https://www.vdh.de/en/the-vdh/german-breeds/
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Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
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