Kurz gesagt: Die prcd-Form der Progressiven Retinaatrophie wird autosomal rezessiv vererbt, weshalb Träger mit nur einer Genkopie zeitlebens sehend und gesund bleiben — nur Hunde mit zwei Kopien erkranken. Typischerweise beginnt die Erkrankung erst im Alter von etwa drei bis fünf Jahren mit Nachtblindheit, sodass ein junger Finnischer Lapphund völlig unauffällig wirken kann. Der DNA-Test ist ein genetisches Risiko- und Anlageträger-Screening, keine klinische Diagnose: Er erkennt ausschließlich die PRCD-Variante c.5G>A. Sein wahrer Wert liegt in der verantwortungsvollen Zuchtplanung und in der frühzeitigen Vorbereitung des Zuhauses auf einen möglicherweise nachtblinden Hund. Wichtig zu wissen: Ein „freies” prcd-Ergebnis schließt nicht alle Formen der PRA aus, denn weitere Gene können ebenfalls eine Netzhautdegeneration verursachen. Die endgültige Diagnose einer klinischen PRA stellt immer die Tieraugenärztin.
- Was die prcd-Form der PRA ist — und welche Rolle das PRCD-Gen spielt
- Der Bezug zum Finnischen Lapphund: die CFA9-Kartierung
- Risikoscreening statt Diagnose: Was der Test kann und was nicht
- Rezessive Genetik: frei, Träger oder betroffen — und die Zucht
- Leben mit Nachtblindheit: keine Heilung, aber unterstützende Pflege
- Häufige Fragen
- Quellen
- So lassen Sie Ihr Tier testen
Was die prcd-Form der PRA ist — und welche Rolle das PRCD-Gen spielt
Die Abkürzung prcd bedeutet „progressive rod-cone degeneration”, also eine fortschreitende Degeneration der Stäbchen und Zapfen — der lichtempfindlichen Fotorezeptoren der Netzhaut. Sie gehört zur großen Gruppe der Progressiven Retinaatrophien (PRA). Charakteristisch ist, dass die Photorezeptoren sich zunächst normal entwickeln und erst später zugrunde gehen; man spricht daher von einer spät manifestierenden Form.
Zangerl und Kollegen identifizierten 2006 die zugrunde liegende Mutation im PRCD-Gen: die Variante c.5G>A, die auf Proteinebene zu p.(Cys2Tyr) führt (OMIA:001298-9615). Bemerkenswert ist, dass dieselbe Variante bei zahlreichen sehr unterschiedlichen Rassen vorkommt — ein Hinweis auf eine gemeinsame, evolutionär alte Ursprungsmutation.
Zuerst versagen die Stäbchen, die für das Sehen bei schwachem Licht zuständig sind. Deshalb bemerken Halter oft als Erstes eine Nachtblindheit oder Orientierungslosigkeit in der Dämmerung. Im weiteren Verlauf sind auch die Zapfen betroffen, sodass die Erkrankung beidseitig, schmerzlos und fortschreitend bis zur vollständigen Erblindung reicht.
Der Bezug zum Finnischen Lapphund: die CFA9-Kartierung
LenaIst der Finnische Lapphund überhaupt eine Rasse, bei der prcd nachgewiesen ist? Jonas ReuterJa — Kukekova 2007 kartierte den Retinaatrophie-Locus dieser Rasse exakt in die prcd-Region auf Hundechromosom 9.Kukekova und Kollegen untersuchten 2007 gezielt die Progressive Retinaatrophie beim Finnischen Lapphund (Suomenlapinkoira). Ihre Kopplungsanalyse verortete den verantwortlichen Locus in die zentromernahe Region von Hundechromosom 9 (CFA9) — genau dort, wo auch der prcd-Locus liegt.
Diese Kartierung liefert die wissenschaftliche Grundlage dafür, dass der Finnische Lapphund heute auf den prcd-Testlisten kommerzieller Labore geführt wird und im PRA-Programm des britischen Kennel Club berücksichtigt ist. Der DNA-Test auf die PRCD-Variante ist damit für diese Rasse fachlich begründet.
Zur Trägerfrequenz beim Finnischen Lapphund existiert allerdings keine belastbare, in einem Peer-Review-Verfahren veröffentlichte Zahl. Schätzungen einzelner Zuchtvereine bewegen sich im Bereich weniger, einstelliger bis niedrig zweistelliger Prozentwerte — diese Angaben sind jedoch ausdrücklich als geschätzt und unveröffentlicht zu verstehen und sollten nicht als gesicherte Statistik gelesen werden.
Risikoscreening statt Diagnose: Was der Test kann und was nicht
LenaWenn mein eigener Hund „betroffen” getestet wird, ist er dann sicher krank? Jonas ReuterDer Gentest zeigt nur die Anlage — ob und wie stark die Netzhaut geschädigt ist, bestätigt erst die Augenärztin per Funduskopie.Der prcd-DNA-Test ist ein genetisches Risiko- und Anlageträger-Screening. Er untersucht ausschließlich die PRCD-Variante c.5G>A und sagt aus, wie viele Kopien dieser Variante ein Hund trägt. Er ist keine klinische Diagnose und misst nicht den tatsächlichen Zustand der Netzhaut.
Die klinische Diagnose einer PRA stellt die Tierärztin oder spezialisierte Tieraugenärztin. Dazu dienen die Funduskopie (Betrachtung des Augenhintergrunds) und gegebenenfalls die Elektroretinographie (ERG), die die elektrische Antwort der Photorezeptoren misst. So lässt sich feststellen, ob und in welchem Stadium die Degeneration tatsächlich vorliegt.
Gentest und augenärztliche Untersuchung ergänzen sich also: Der DNA-Test ordnet das genetische Risiko ein, bevor Symptome auftreten; die klinische Untersuchung erfasst den aktuellen Befund am lebenden Auge.
Rezessive Genetik: frei, Träger oder betroffen — und die Zucht
LenaMein Hund ist Träger — muss ich mir jetzt Sorgen um sein Augenlicht machen? Jonas ReuterNein, ein Träger bleibt gesund; da prcd rezessiv vererbt wird, erkranken nur Hunde mit zwei Kopien der Variante.prcd wird autosomal rezessiv vererbt. Das bedeutet: Erst wenn ein Hund zwei Kopien der Variante c.5G>A besitzt (homozygot), entwickelt er die Erkrankung. Hunde mit nur einer Kopie sind Träger — sie sind selbst gesund und erblinden durch prcd nicht, können die Variante aber weitervererben.
Für die Zuchtplanung ist entscheidend, dass ein Träger nur dann betroffene Welpen zeugen kann, wenn er mit einem weiteren Träger oder einem betroffenen Hund verpaart wird. Ein Träger, der mit einem freien Hund verpaart wird, kann keine betroffenen Nachkommen hervorbringen. So lässt sich die Variante managen, ohne wertvolle Träger vollständig aus der Zucht zu nehmen — dies bleibt eine informative Gesundheitsinformation, keine Zuchtdirektive.
| Genotyp | Kopien der Variante | Eigener Status | Kann prcd vererben? |
|---|---|---|---|
| Frei (N/N) | 0 | gesund, erkrankt nicht | nein |
| Träger (N/prcd) | 1 | gesund, erkrankt nicht | ja, an die Hälfte der Nachkommen |
| Betroffen (prcd/prcd) | 2 | Risiko der späteren Erblindung | ja, an alle Nachkommen |
Leben mit Nachtblindheit: keine Heilung, aber unterstützende Pflege
LenaFalls mein Hund einmal erblindet — kann ich ihm den Alltag trotzdem leicht machen? Jonas ReuterJa, Hunde passen sich erstaunlich gut an; da die Degeneration schmerzlos verläuft, hilft vor allem eine verlässliche, stabile Umgebung.Für prcd gibt es keine Heilung. Die Erkrankung verläuft schmerzlos, sodass betroffene Hunde nicht leiden, sondern schrittweise ihr Sehvermögen verlieren. Weil der Verlauf langsam ist, gewöhnen sich viele Hunde erstaunlich gut an die nachlassende Nachtsicht, bevor die vollständige Erblindung eintritt.
Die Pflege ist unterstützend und zielt auf ein sicheres, vorhersehbares Umfeld: eine feste Möbelanordnung, die nicht verändert wird, ein Nachtlicht in der Dämmerungsphase, klare verbale Signale statt Handzeichen sowie das Absichern von Gefahrenquellen wie Treppen, Kanten oder Pools. Diese Anpassungen erleichtern nacht- und schließlich vollblinden Hunden die Orientierung erheblich.
Antioxidantien und Nahrungsergänzungsmittel werden gelegentlich beworben, sind jedoch kein bewiesenes Heilmittel gegen prcd — eine wirksame Verlangsamung oder Heilung lässt sich daraus nicht ableiten. Ebenso wichtig: Ein „freies” prcd-Ergebnis schließt nicht alle PRA-Formen aus, denn weitere Gene wie RPGRIP1, TTC8 oder RCD4/STK38L können eine Netzhautdegeneration verursachen.
Häufige Fragen
Q. Bedeutet ein „Träger”-Ergebnis, dass mein Finnischer Lapphund erblindet?
Nein. prcd ist rezessiv; ein Träger mit nur einer Kopie der Variante bleibt sehend und gesund und erkrankt durch prcd nicht. Bedeutung hat das Ergebnis vor allem für die Zuchtplanung, damit nicht zwei Träger miteinander verpaart werden.
Q. Mein Welpe sieht bestens — kann der Test trotzdem sinnvoll sein?
Ja. prcd manifestiert sich spät, typischerweise erst mit etwa drei bis fünf Jahren, und Welpen sehen zunächst völlig normal. Ein junger, klinisch unauffälliger Hund kann Träger oder bereits präsymptomatisch betroffen sein, weshalb der DNA-Test gerade früh aussagekräftig ist.
Q. Ersetzt der DNA-Test die Untersuchung bei der Tieraugenärztin?
Nein. Der Test ist ein Risikoscreening für die Variante c.5G>A und keine klinische Diagnose. Ob eine Netzhautdegeneration tatsächlich vorliegt und wie weit sie fortgeschritten ist, bestätigt erst die Augenärztin per Funduskopie und gegebenenfalls ERG.
Q. Wenn mein Hund prcd-frei ist, ist er dann vor jeder PRA sicher?
Nicht vollständig. Ein freies prcd-Ergebnis schließt nur diese eine Form aus. Es gibt weitere PRA-Gene wie RPGRIP1, TTC8 oder RCD4/STK38L, sodass regelmäßige augenärztliche Kontrollen weiterhin sinnvoll bleiben.
Quellen
- Zangerl et al. 2006, Genomics (PMID 16938425): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16938425/
- OMIA:001298-9615 (PRCD, Hund): https://omia.org/OMIA001298/9615/
- Kukekova et al. 2007, BMC Veterinary Research (Finnischer Lapphund, CFA9): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1933534/
- Veterinary Genetics Laboratory, UC Davis — PRA-prcd: https://vgl.ucdavis.edu/test/pra-prcd
Bild: Wojciech Pędzich, „Suomenlapinkoira 2021“, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.
So lassen Sie Ihr Tier testen
Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich PRA (Netzhautatrophie) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet.
Innerhalb der EU / in Deutschland
Außerhalb der EU
Sorgen um die Gesundheit Ihres Tieres? — Sprechen Sie mit einer Tierärztin/einem Tierarzt
Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.
Bundestierärztekammer — Tierarztsuche
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