Hovawart und Degenerative Myelopathie (DM/SOD1): Was die Forschung über Risiko, Vererbung und Physiotherapie zeigt

Hovawart Hund Deutsch

Kurz gesagt: Ein „Risiko”-Ergebnis (Genotyp A/A) beim SOD1-Gentest für Degenerative Myelopathie (DM) ist ein Risikofaktor, keine Diagnose. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv mit unvollständiger, altersabhängiger Penetranz — viele homozygote Hunde entwickeln zeitlebens keine Symptome. Für den Hovawart ist eine Rasseprädisposition für DM dokumentiert (Kathmann et al. 2006), aber es existiert keine in einer Peer-Review-Quelle veröffentlichte rassespezifische Allelfrequenz. Der eigentliche Wert des Tests liegt nicht in einer Vorhersage, sondern darin, dass er DM als Möglichkeit früh auf den Radar bringt und Halter wie Tierärzte für eine sorgfältige neurologische Abklärung sensibilisiert. Eine Heilung gibt es nicht — kontrollierte tägliche Physiotherapie kann das Überleben aber deutlich verlängern.

Der Hovawart und was die SOD1-Variante bewirkt

Diese Seite enthält Affiliate-Werbung. Sie ist eine informative Zusammenfassung veröffentlichter, begutachteter Evidenz und nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu diagnostizieren, zu behandeln oder ihnen vorzubeugen. Bei Symptomen oder Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte stets an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
LenaLenaDer Hovawart meiner Nachbarin hat DM. Ist das eine typische Hovawart-Krankheit? Jonas ReuterJonas ReuterKathmann 2006 zeigte tatsächlich eine signifikante DM-Prädisposition beim Hovawart — er gehört zu den überdurchschnittlich betroffenen Rassen.

Die Degenerative Myelopathie (DM) ist eine langsam fortschreitende Erkrankung des Rückenmarks, die typischerweise erst bei erwachsenen Hunden ab etwa acht Jahren beginnt. Sie gilt als kanines Analogon der menschlichen amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Awano und Kollegen identifizierten 2009 die genetische Grundlage: eine Punktmutation im Gen SOD1 (Superoxid-Dismutase 1), die Variante c.118G>A in Exon 2, die auf Proteinebene zu einem Aminosäureaustausch (p.E40K) führt. In der Datenbank ist sie unter OMIA:000263-9615 katalogisiert.

Für den Hovawart ist die Prädisposition klinisch belegt: Kathmann et al. 2006 fanden in einer Kohorte von 50 an DM erkrankten Hunden eine signifikante Häufung beim Hovawart — neben dem Deutschen Schäferhund, dem Kuvasz und dem Berner Sennenhund. Ehrlich gesagt: Eine rassespezifische Allelfrequenz für den Hovawart ist in keiner Peer-Review-Quelle veröffentlicht. Wer im Netz eine konkrete Prozentzahl für die Rasse liest, sollte sie mit Vorsicht behandeln. Dokumentiert ist die Prädisposition, nicht eine belastbare Häufigkeit des Risikoallels.

Weiterführende Literatur: Awano et al. 2009 (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2634802/) und die Rassenverteilung bei Zeng et al. 2014 (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jvim.12317).

Risiko oder Diagnose? Die unvollständige Penetranz

LenaLenaMein Hund ist A/A. Heißt das, er bekommt sicher DM? Jonas ReuterJonas ReuterNein — Awano 2009 dokumentierte alte A/A-Hunde ganz ohne Symptome; die Penetranz ist unvollständig und altersabhängig.

Der Erbgang ist autosomal-rezessiv mit unvollständiger, altersabhängiger Penetranz. Das bedeutet: Erst der homozygote Genotyp (zwei Kopien der Risikovariante, A/A) begründet überhaupt ein erhöhtes Risiko — und selbst dann ist die Erkrankung nicht sicher. Awano et al. beschrieben bereits 2009 alte A/A-Hunde, die zeitlebens keine klinischen Zeichen entwickelten.

Deshalb der zentrale Rahmen dieses Artikels: Ein A/A-Ergebnis ist ein Risikofaktor, keine Diagnose. Der Test misst eine genetische Veranlagung, nicht die Krankheit selbst. Formulierungen wie „der Test erkennt DM” oder „bestätigt DM” sind schlicht falsch. In Deutschland, mit seinem strengen Umfeld für Gesundheitsaussagen, ist die korrekte Einordnung ein genetisches Risikoscreening.

Genotyp Bedeutung Konsequenz
N/N (frei) Keine Risikokopie Extrem geringes DM-Risiko über SOD1
N/A (Träger) Eine Risikokopie Klinisch nach heutigem Wissen sehr unwahrscheinlich betroffen; gibt die Variante weiter
A/A (Risiko) Zwei Risikokopien Erhöhtes Risiko — aber viele bleiben symptomfrei (unvollständige Penetranz)

Wie DM tatsächlich diagnostiziert wird

LenaLenaWenn mein Hund im Alter hinten schwächelt — ist das dann automatisch DM? Jonas ReuterJonas ReuterKeineswegs — DM ist eine Ausschlussdiagnose; der Tierarzt schließt zuerst per MRT einen Bandscheibenvorfall aus, wie die Management-Literatur betont.

DM ist eine Ausschlussdiagnose. Die frühen Zeichen — hintere Schwäche, schleifende Pfoten, unkoordinierter Gang — überschneiden sich stark mit deutlich häufigeren und teils behandelbaren Erkrankungen. Bevor überhaupt an DM gedacht wird, muss der Tierarzt vor allem einen Bandscheibenvorfall (IVDD), Rückenmarkstumoren und andere Myelopathien ausschließen — in der Regel per MRT oder CT plus Untersuchung des Nervenwassers (Liquor).

Ein positiver Gentest ersetzt diese Abklärung nicht. Er liefert lediglich einen Baustein: Bei einem A/A-Hund mit passenden Symptomen und unauffälligem MRT wird DM wahrscheinlicher. Die definitive Bestätigung ist ausschließlich post mortem möglich — durch die histopathologische Untersuchung des Rückenmarks. Details zur Abklärung und zum Management fasst diese Übersicht zusammen: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10472985/.

Merkmal Bandscheibenvorfall (IVDD) Degenerative Myelopathie (DM)
Beginn Oft plötzlich Schleichend über Monate
Schmerz Häufig deutlich Typischerweise schmerzfrei
Verlauf Kann sich bessern Stetig fortschreitend
Bildgebung Auffällig im MRT Unauffällig (Ausschlusskriterium)

Frei, Träger, Risiko — was die Genotypen für Halter und Zucht bedeuten

LenaLenaMein Rüde ist Träger (N/A). Muss ich mir Sorgen machen? Jonas ReuterJonas ReuterKlinisch sehr wahrscheinlich nicht — nach Awano 2009 begründet erst der Genotyp A/A das Risiko; ein Träger gibt die Variante aber weiter.

Für den einzelnen Hund ist die Botschaft beruhigend: N/N-Hunde tragen kein SOD1-Risiko, N/A-Träger sind nach heutigem Kenntnisstand klinisch praktisch nicht gefährdet, und selbst A/A-Hunde erkranken nur teilweise. Ein Ergebnis ist also kein Grund zur Panik, sondern eine Information für die vorausschauende Beobachtung im Alter.

Für die Zucht ist die Trägerinformation relevant, weil zwei Träger statistisch A/A-Nachkommen zeugen können. Wir geben hier bewusst keine Zuchtdirektiven — im Rahmen des Tierschutzgesetzes ist der Test ein informatives Gesundheitsscreening, keine Vorschrift. Verantwortungsvolle Entscheidungen trifft der Züchter zusammen mit seinem Zuchtverband und Tierarzt, unter Abwägung des gesamten Genpools und ohne die Rasse durch einseitige Selektion zu verengen. Die genetische Grundlage und Rassenverteilung sind bei Zeng et al. 2014 nachzulesen (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jvim.12317).

Mit dem Risiko leben — Physiotherapie und unterstützende Pflege

LenaLenaWenn es doch DM wird — kann ich überhaupt etwas tun? Jonas ReuterJonas ReuterJa: Kathmann 2006 zeigte, dass intensive tägliche Physiotherapie die mittlere Überlebenszeit auf rund 255 Tage anhob, gegenüber etwa 55 Tagen ohne.

Es gibt für DM keine Heilung und keine krankheitsmodifizierende Therapie. Was es gibt, ist wirksame unterstützende Pflege. Und hier liefert genau die Studie, die die Hovawart-Prädisposition belegte, zugleich die stärkste Management-Evidenz: Kathmann et al. 2006 fanden, dass Hunde mit intensiver täglicher Physiotherapie eine mittlere Überlebenszeit von etwa 255 Tagen erreichten — gegenüber rund 55 Tagen bei Hunden ohne solche Physiotherapie.

Das ist ein bemerkenswerter Unterschied und macht deutlich: Auch ohne heilende Behandlung lohnt sich Engagement. Kontrollierte Bewegung, gezieltes Muskeltraining, gutes Rutschmanagement im Haushalt, Hilfsmittel wie Rampen oder Geschirre und die enge Begleitung durch einen auf Neurologie oder Rehabilitation spezialisierten Tierarzt verbessern die Lebensqualität und verlängern die selbstständige Mobilität. Ein A/A-Ergebnis heute ist damit vor allem eine Einladung, informiert und vorbereitet zu sein. Quelle: Kathmann et al. 2006 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16955818/).

Häufige Fragen

Q. Bedeutet ein „Risiko”-Ergebnis, dass mein Hovawart DM bekommt?
Nein. Die Penetranz ist unvollständig und altersabhängig — schon Awano 2009 beschrieb alte A/A-Hunde ganz ohne Symptome. Ein A/A-Genotyp ist ein Risikofaktor, keine Diagnose und keine Vorhersage.

Q. Kann der Test DM bei meinem Hund bestätigen?
Nein. Der Test ist ein genetisches Risikoscreening. DM ist eine Ausschlussdiagnose (MRT/CT plus Liquor, um IVDD und Tumoren auszuschließen); die definitive Bestätigung ist nur post mortem über die Histopathologie des Rückenmarks möglich.

Q. Gibt es eine konkrete Häufigkeit des Risikoallels beim Hovawart?
In einer Peer-Review-Quelle veröffentlicht: nein. Dokumentiert ist eine DM-Prädisposition (Kathmann 2006), aber keine rassespezifische Allelfrequenz. Konkrete Prozentzahlen aus dem Netz sollten kritisch hinterfragt werden.

Q. Was kann ich tun, wenn mein Hund tatsächlich an DM erkrankt?
Es gibt keine Heilung, aber unterstützende Pflege hilft. Kathmann 2006 zeigte, dass intensive tägliche Physiotherapie die mittlere Überlebenszeit auf rund 255 Tage anhob (vs. etwa 55 Tage ohne). Arbeiten Sie mit einem neurologisch oder rehabilitativ spezialisierten Tierarzt.

Quellen

Bild: Wojciech Pędzich, „Hovawart 2021 02“, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

So lassen Sie Ihr Tier testen

Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.

Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich DM (SOD1) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet.

Innerhalb der EU / in Deutschland

Wisdom Panel Premium
DM (SOD1):✓ Ja
Cheek swab; 265+ conditions including MDR1 and DM (SOD1).
Orivet
DM (SOD1):✓ Ja
Standalone tests incl. MDR1 (ivermectin sensitivity) and Degenerative Myelopathy (DM). GenoPet kit also on Amazon.
WSU PrIMe / VCPL (discovered MDR1)
DM (SOD1):Unbestätigt
Dr. Mealey’s lab — the group that discovered ABCB1-1Δ. Direct-to-owner MDR1 test. DM: verify.
Wisdom Panel Premium
DM (SOD1):✓ Ja
Wangenabstrich; Panel inkl. MDR1. Auch bei Amazon.de (Wisdom Panel Essential) erhältlich.
Feragen
DM (SOD1):Unbestätigt
Österreich (Marke dna-test-hund.de für DE). MDR1-Defekt einzeln oder im Rassetest. DM: bitte prüfen.
Laboklin
DM (SOD1):✓ Ja
Fachlabor. MDR1-Genvariante sowie DM (beide SOD1-Varianten c.118G>A / c.52A>T, u. a. Berner Sennenhund). Einsendung über die Tierarztpraxis.

Außerhalb der EU

Pontely 犬の遺伝子検査
DM (SOD1):Unbestätigt
Heim-Abstrich-Hunde-DNA-Dienst aus Japan; deckt u. a. MDR1 und PRA ab. Weitere Varianten: nicht offiziell angegeben (prüfen). Dienst für Japan — außerhalb bitte Versand bestätigen.
Embark (Breed + Health)
DM (SOD1):✓ Ja
Cheek swab; multi-condition health panel that includes MDR1 and DM (SOD1). Also on Amazon (US health kit; JP = parallel-import).
Basepaws Dog DNA
DM (SOD1):Unbestätigt
Dog health panel includes MDR1. DM (SOD1): verify on the product page. Also on Amazon.
Orivet
DM (SOD1):✓ Ja
Standalone tests incl. MDR1 (ivermectin sensitivity) and Degenerative Myelopathy (DM). GenoPet kit also on Amazon.
Paw Print Genetics
DM (SOD1):Unbestätigt
Clinical-grade lab; standalone MDR1. Other conditions incl. DM: verify on the product page.

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Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.

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Über den Autor

Jonas Reuter

Jonas Reuter

Redaktion & Text (kein Tierarzt)

Autor mit molekularbiologischem Hintergrund und langjähriger Hunde- und Katzenhalter. Kein Tierarzt – er übersetzt begutachtete Genetik-Forschung und Primärdaten in verständliche Sprache, stets als Information und nicht als Diagnose.

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