Fazit: Bei der Französischen Bulldogge kommen die kurzen Beine nicht aus derselben Quelle wie bei Dackel oder Basset. Das FGF4-Retrogen auf Chromosom 18 (CDPA), das bei diesen Rassen die Beinlänge bestimmt, liegt bei der Französischen Bulldogge nahezu bei null (Allelfrequenz 0,01) — stattdessen dominiert das Retrogen auf Chromosom 12 (CDDY) mit einer Frequenz von 0,94. Genau dieses Retrogen verursacht die vorzeitige Degeneration und Verkalkung der Bandscheiben und damit den Hansen-Typ-I-Bandscheibenvorfall (IVDD). Die Folge ist in den Daten sichtbar: In der Auswertung von 569 operierten Hunden lag das mediane Alter bei der ersten Bandscheiben-OP bei 3,7 Jahren — der niedrigste Wert aller aufgeführten Rassen und fast drei Jahre früher als beim Dackel. Ein Gentest liefert einen Genotyp, keine Diagnose, und sagt nichts darüber aus, ob und wann ein Vorfall eintritt. Bei plötzlichem Aufschreien beim Hochheben, aufgekrümmtem Rücken, Zittern, schwankendem Gang, nachschleifenden Hinterpfoten oder fehlendem Harnabsatz gilt: noch am selben Tag in die Tierarztpraxis — bei Typ-I-Vorfällen entscheidet die Zeit über die Prognose.
- Zwei FGF4-Retrogene — und die Französische Bulldogge hat das falsche
- Die Zahlen zur Französischen Bulldogge
- Warum das für diese Rasse eine Zuchtfrage und keine Randnotiz ist
- Rechtlicher Rahmen in Deutschland: § 11b TierSchG
- Wo man in Deutschland und der EU testen lassen kann
- Alltag: Wo im deutschsprachigen Wohnalltag die Belastung entsteht
- Was der Gentest leistet — und was nicht
- Notfallzeichen — bitte am selben Tag abklären
- Häufige Fragen
- Literatur
- So lassen Sie Ihr Tier testen
Zwei FGF4-Retrogene — und die Französische Bulldogge hat das falsche
Ein Retrogen entsteht, wenn das Transkript eines Gens zurückgeschrieben und an anderer Stelle wieder ins Genom eingebaut wird. Beim Hund ist das mit dem Gen FGF4 (Fibroblasten-Wachstumsfaktor 4) zweimal passiert — mit sehr unterschiedlichen Folgen:
- 18-FGF4RG (CDPA, Chondrodysplasie) — verkürzt die Beine. Parker et al. (2009, Science) zeigten, dass diese Insertion den rassetypischen Kurzbeinigkeit von mindestens 19 Rassen erklärt, darunter Dackel, Corgi und Basset Hound. Ein Zusammenhang mit Bandscheibenerkrankungen ist nicht bekannt.
- 12-FGF4RG (CDDY, Chondrodystrophie) — verkürzt ebenfalls die Beine, führt aber zusätzlich zur chondroiden Metaplasie des Nucleus pulposus, zu früher Verkalkung und zum Vorfall. Brown et al. (2017, PNAS) identifizierten sie, maßen eine etwa 20-fach erhöhte FGF4-Expression in der Bandscheibe neugeborener Hunde und berichteten eine Odds Ratio von 51,23 für IVDD.
Für das IVDD-Risiko wird CDDY autosomal-dominant vererbt: bereits eine Kopie erhöht das Risiko deutlich. Deshalb bieten Labore wie LABOKLIN und das Veterinary Genetics Laboratory der UC Davis beide Marker als kombinierten Test an — die Aussage entsteht erst aus dem Zusammenspiel.
Die Zahlen zur Französischen Bulldogge
LenaWie steht meine Rasse denn konkret da? Jonas ReuterBatcher et al. (2019) fanden 0,94 für CDDY und 0,01 für CDPA — und ein medianes OP-Alter von nur 3,7 Jahren.Batcher et al. (2019, Genes) genotypisierten 569 Hunde, die am Veterinary Medical Teaching Hospital der UC Davis eine dekompressive Wirbelsäulenoperation erhalten hatten (61 Rassen plus 127 Mischlinge), und glichen sie mit dem Gesamtbestand der Klinik ab. Für die Französische Bulldogge:
- 12-FGF4RG (CDDY): 0,94 — nahezu, aber nicht ganz fixiert.
- 18-FGF4RG (CDPA): 0,01 — praktisch nicht vorhanden.
- OP-Anteil im Klinikbestand: 24,69% — knapp jede vierte in der Klinik registrierte Französische Bulldogge wurde an der Wirbelsäule operiert.
- Medianes Alter bei der ersten OP: 3,7 Jahre — der niedrigste Wert der gesamten Tabelle (Dackel 6,5; Basset Hound 5,5; Beagle 7,9).
Eine unabhängige europäische Arbeit bestätigt die Größenordnung: Reunanen et al. (2025, BMC Veterinary Research) untersuchten 81 Französische Bulldoggen mit Genotyp und Röntgenbefund und fanden eine Allelfrequenz von 0,85. Homozygote Tiere hatten gegenüber heterozygoten und freien Tieren eine Odds Ratio von 3,4 (95%-KI 1,03–11,51; p = 0,045) für den höchsten Verkalkungsgrad. Zum Vergleich lag der Coton de Tuléar in derselben Studie bei 0,35. Die kommerziellen Zahlen weisen in dieselbe Richtung: Embark gibt für die eigenen getesteten Französischen Bulldoggen 3,3% frei, 28,3% mit einer Kopie und 68,2% mit zwei Kopien an.
Im Gesamtkollektiv von Batcher et al. (2019) kamen Hunde mit ein oder zwei Kopien 26 bis 31 Monate früher zur Operation (p < 0,001), und die röntgenologisch sichtbare Bandscheibenverkalkung stieg dosisabhängig: 84,8% bei homozygoten, 63,8% bei heterozygoten und 18,5% bei freien Tieren (adjustierte OR 14,82; 95%-KI 6,46–34,04 für zwei gegenüber null Kopien).
Warum das für diese Rasse eine Zuchtfrage und keine Randnotiz ist
LenaKann man CDDY denn herauszüchten, ohne die Rasse zu verlieren? Jonas ReuterSchwieriger als bei Dackel oder Basset: Dort liefert CDPA die kurzen Beine. Hier liegt CDPA bei 0,01 — die Statur hängt an anderen Merkmalen.Bei Basset Hound (CDPA 1,00) oder Dackel (0,99) können Züchter theoretisch gegen CDDY selektieren, ohne den Rassetyp zu gefährden — die kurzen Beine kommen dort vom harmlosen Chromosom-18-Retrogen. Bei der Französischen Bulldogge ist diese Trennung so nicht gegeben: CDPA liegt bei 0,01. Der gedrungene Körperbau der Rasse entsteht hier über andere Mechanismen, und CDDY ist mit 0,94 zugleich fast fixiert. Der Handlungsspielraum ist also enger als bei den klassischen Kurzbein-Rassen — vorhanden bleibt er trotzdem, denn 0,94 ist nicht 1,00, und Reunanen et al. (2025) fanden in ihrer Population sogar 0,85 mit nachweisbar freien Tieren.
Wie schnell man vorgehen sollte, zeigt eine skandinavische Arbeit an einer anderen Rasse. Sullivan et al. (2025, Journal of Veterinary Internal Medicine) werteten 407 Dackel aus norwegischen und finnischen Zuchtbüchern aus und fanden Unterschiede im Verkalkungsscore zwischen null und zwei Kopien, nicht aber zwischen einer und zwei Kopien. Ihr Schluss: In Populationen mit hoher Allelfrequenz ist „eine Kopie statt zwei” ein realistischeres Zwischenziel als „null Kopien” — und Genotyp und Röntgenbefund gehören zusammen ausgewertet.
Der etablierte Röntgenbefund ist die Zählung verkalkter Bandscheiben im Alter von 24 bis 48 Monaten (Reunanen et al., 2025). Die dänische Validierung von Bruun et al. (2020, Canine Medicine and Genetics) ergab für den Schwellenwert „fünf oder mehr verkalkte Bandscheiben” ein relatives Risiko von 14,78 bei einer Sensitivität von 0,79 und einer Spezifität von 0,91. Dieselbe Arbeit zeigte, warum der Gentest allein nicht reicht: beim Rauhaardackel lag seine Spezifität bei 0,14, bei Lang- und Kurzhaardackeln ließ sich gar kein signifikanter Zusammenhang nachweisen.
Rechtlicher Rahmen in Deutschland: § 11b TierSchG
Anders als in vielen anderen Märkten ist die Zuchtfrage hier nicht nur eine Frage der Vereinsordnung. § 11b des Tierschutzgesetzes verbietet die Zucht mit Tieren, wenn bei den Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich sind oder wenn mit Leiden, Schmerzen oder Schäden zu rechnen ist. Die Auslegung dieses Paragraphen wird im Qualzuchtgutachten der Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht konkretisiert; die Bundestierärztekammer fasst den aktuellen Stand der Diskussion zusammen.
Für Halterinnen und Halter Französischer Bulldoggen ist das doppelt relevant, weil die Rasse ohnehin im Zentrum der Brachyzephalie-Debatte steht. Wer züchtet, sollte den CDDY-Status der Elterntiere kennen und dokumentieren — nicht weil ein Gentest gesetzlich vorgeschrieben wäre, sondern weil eine Rasse mit einem medianen Bandscheiben-OP-Alter von 3,7 Jahren genau die Art von Befund produziert, an der sich diese Diskussion entzündet. Umgekehrt gilt: Ein Halteverbot für bereits lebende Hunde gibt es nicht; die gesetzliche Beschränkung betrifft die Zucht und, seit 2022, die Ausstellung.
Und in Österreich und der Schweiz?
Der Rahmen ist ähnlich, die Rechtsgrundlage aber jeweils eine andere. In Österreich untersagt das Tierschutzgesetz (TSchG) die Zucht mit Tieren, bei deren Nachkommen mit qualzuchtrelevanten Merkmalen zu rechnen ist; Zuchtbücher laufen über den Österreichischen Kynologenverband (ÖKV). In der Schweiz regeln das Tierschutzgesetz und die Tierschutzverordnung die Zucht, ergänzt um eine eigene Verordnung zum Tierschutz beim Züchten; Dachverband ist die Schweizerische Kynologische Gesellschaft (SKG). In Deutschland führt der VDH die Zuchtbücher, und die Zuchtordnung des jeweiligen Rassezuchtvereins gilt zusätzlich zum Gesetz.
Ein Detail, das Schweizer Halterinnen und Halter oft übersehen: die Schweiz ist kein EU-Mitglied. Der Probenversand an ein Labor in Deutschland oder Tschechien ist damit ein Versand ins Ausland mit Zollanmeldung — bei Bioproben lohnt es sich, vorab beim Labor nach der korrekten Deklaration und den Versandpapieren zu fragen, statt das Röhrchen einfach in einen Briefumschlag zu stecken. Für Österreich innerhalb der EU entfällt dieser Schritt.
Ein praktischer Nebenaspekt der Brachyzephalie: Eine Wirbelsäulen-Operation bedeutet Vollnarkose. Bei brachyzephalen Hunden mit obstruktiver Atemwegsproblematik ist das Narkose- und Aufwachrisiko erhöht — ein Grund mehr, die Tierarztpraxis früh über Atemgeräusche, Belastungsintoleranz oder Regurgitation zu informieren, statt es erst im Notfall zu klären.
Wo man in Deutschland und der EU testen lassen kann
LenaWelches Labor macht das hier, und wie läuft die Einsendung? Jonas ReuterLABOKLIN bietet CDPA und CDDY als kombinierten Test an; die Einsendung läuft über die Tierarztpraxis.Für den deutschsprachigen Raum sind mehrere Wege dokumentiert:
- LABOKLIN (Bad Kissingen) — bietet „Chondrodysplasie (CDPA) und -dystrophie (CDDY) (IVDD-Risiko)” als kombinierte Untersuchung an. Einsendung in der Regel über die Tierarztpraxis; Blut oder Wangenabstrich.
- Genomia (Tschechien) — listet den Test öffentlich mit 56 USD zzgl. MwSt. und einer üblichen Bearbeitungszeit von 12 Werktagen. Versand und Probennahme kommen hinzu.
- Wisdom Panel — Wangenabstrich-Panel; CDDY mit IVDD-Risiko wurde in die Züchter-Tests aufgenommen.
- Orivet — veröffentlicht ein eigenes Merkblatt für Züchter zu CDDY/IVDD und CDPA.
- UC Davis VGL (USA) — das Labor der Arbeitsgruppe, die den Marker beschrieben hat; nimmt internationale Proben an. Beim Versand von Probenmaterial in Drittländer sind Zoll- und Veterinärvorschriften zu beachten.
Was das kostet — und wer im Notfall aufmacht
Rechnen wir in Euro. Der Gentest selbst ist der kleine Posten: Genomia nennt 56 USD zzgl. MwSt., also rund 50 Euro je nach Wechselkurs, zuzüglich Versand und der tierärztlichen Probennahme. Für LABOKLIN gilt die jeweils aktuelle Preisliste — bitte in der Praxis erfragen, da die Einsendung ohnehin über sie läuft. Für tierärztliche Leistungen in Deutschland gilt die Gebührenordnung für Tierärzte (GOT), deren Novelle Ende 2022 in Kraft trat: Praxen dürfen den einfachen Satz nicht unterschreiten, im Notdienst kommt ein gesetzlich geregelter Zuschlag hinzu. Der große Posten ist die Therapie — MRT plus Hemilaminektomie in einer Tierklinik bewegt sich im vierstelligen Euro-Bereich, mit deutlichen Unterschieden zwischen Kliniken. Lassen Sie sich einen schriftlichen Kostenvoranschlag geben.
Zur Versicherung: In Deutschland, Österreich und der Schweiz übernehmen Tierkrankenversicherungen erblich bedingte Erkrankungen häufig nur eingeschränkt oder gar nicht, bereits bestehende Beschwerden sind regelmäßig ausgeschlossen, und viele Tarife haben Wartezeiten. Bei einer Rasse mit einem medianen OP-Alter von 3,7 Jahren heißt das konkret: Der Abschluss beim jungen, gesunden Hund ist etwas völlig anderes als der Abschluss nach der ersten Rückenepisode. Lesen Sie gezielt die Klausel zu erblichen und rassetypischen Erkrankungen. In Deutschland kommen ohnehin Hundesteuer und — je nach Bundesland verpflichtend — die Hundehaftpflicht hinzu; die Krankenversicherung ist davon unabhängig.
Und die Infrastruktur: Eine normale Tierarztpraxis stellt die Verdachtsdiagnose, aber MRT und Wirbelsäulenchirurgie finden in einer Tierklinik oder an einer Hochschule statt — etwa an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, der Kleintierklinik der LMU München, der Vetmeduni Wien oder den Vetsuisse-Fakultäten in Bern und Zürich. Überweisung und Termin laufen in der Regel über die Haustierarztpraxis. Klären Sie jetzt, solange der Hund gesund ist, zwei Dinge: Welche Tierklinik mit MRT ist von Ihnen aus in unter einer Stunde erreichbar — und welcher tierärztliche Notdienst ist nachts und am Wochenende für Ihren Ort zuständig? Die Notdienstsuche der jeweiligen Landestierärztekammer beantwortet die zweite Frage in zwei Minuten. Am Sonntagabend mit einem gelähmten Hund im Auto ist keine gute Zeit für Recherche.
Alltag: Wo im deutschsprachigen Wohnalltag die Belastung entsteht
Der Genotyp steht fest, die Umgebung nicht. Drei Punkte, die im DACH-Alltag regelmäßig auftauchen:
- Altbau-Treppen. In Wohnungen ohne Aufzug summieren sich mehrere Stockwerke täglich. Tragen Sie den Hund — aber richtig: Brust und Becken gleichzeitig stützen, sodass die Wirbelsäule waagerecht bleibt, nie unter den Vorderbeinen hochheben.
- Sprünge vom Sofa und aus dem Kofferraum. Die Landung ist die Belastung, nicht der Absprung. Eine Hunderampe für Auto und Couch ist die billigste Maßnahme in diesem ganzen Artikel.
- ÖPNV und Gewicht. In Bus und Bahn gilt in vielen Städten Boxen- oder Leinenpflicht; eine formstabile Box, in der der Hund gestreckt liegen kann, ist rückenfreundlicher als eine weiche Tasche. Und das Gewicht bleibt der Hebel, den Packer et al. (2013) als unabhängigen Risikofaktor belegt haben — lassen Sie den Body Condition Score bei jedem Praxisbesuch laut ansagen.
Was der Gentest leistet — und was nicht
Er sagt: wie viele Kopien von 12-FGF4RG und 18-FGF4RG ein Hund trägt, und ob eine geplante Verpaarung die Kopienzahl in der nächsten Generation senken kann.
Er sagt nicht: ob, wann, in welcher Höhe und wie schwer ein Bandscheibenvorfall eintritt. In Batcher et al. (2019) zeigten immerhin 18,5% der Hunde ohne jede Kopie röntgenologische Bandscheibenverkalkungen. Der Genotyp verschiebt eine Wahrscheinlichkeit, er terminiert kein Ereignis. Ein Testergebnis ersetzt keine tierärztliche Diagnose und darf einen Praxisbesuch nie verzögern.
Notfallzeichen — bitte am selben Tag abklären
- Aufschreien beim Hochheben; aufgekrümmter, harter Rücken; Bewegungsunlust
- Zittern, Hecheln, Unruhe, die sich nicht legt
- Nachschleifen oder Umknicken einer Hinterpfote; unsicherer, „betrunkener” Gang
- Unfähigkeit aufzustehen oder die Hinterhand zu belasten
- Harnabsatz nicht möglich oder unkontrolliert
Ob die Tiefensensibilität erhalten ist, entscheidet maßgeblich über die Prognose — und lässt sich zu Hause nicht zuverlässig prüfen. Im Zweifel sofort vorstellen.
Häufige Fragen
Q. Mein Hund ist frei von CDDY — ist er damit sicher?
Nein, nur deutlich weniger gefährdet. In Batcher et al. (2019) hatten 18,5% der Hunde ohne Kopie dennoch röntgenologische Verkalkungen, und Vorfälle entstehen auch durch Traumata sowie durch die altersbedingte Hansen-Typ-II-Degeneration. Für die Zucht ist ein freier Hund wertvoll; für den Alltag bleiben Gewichtskontrolle und das Erkennen von Notfallzeichen entscheidend.
Q. Warum ist die Französische Bulldogge früher betroffen als der Dackel?
In den Daten von Batcher et al. (2019) liegt das mediane OP-Alter bei 3,7 Jahren gegenüber 6,5 Jahren beim Dackel. Die Arbeit weist die Rassezugehörigkeit als eigenständigen Faktor neben dem Genotyp aus — die Kopienzahl allein erklärt den Unterschied also nicht vollständig. Diskutiert werden zusätzlich Körperbau und Wirbelsäulenanomalien, die bei brachyzephalen Rassen mit Schraubenrute gehäuft vorkommen. Für den Alltag heißt das vor allem: früher wachsam sein, nicht erst im mittleren Alter.
Q. Nützt der Gentest bei einer Frequenz von 0,94 überhaupt etwas?
Weniger als bei Rassen mit mittlerer Frequenz, aber mehr als beim Dackel. Bei 0,94 (bzw. 0,85 bei Reunanen et al., 2025) gibt es nachweislich heterozygote und freie Tiere — Embark berichtet 3,3% freie und 28,3% heterozygote Hunde im eigenen Bestand. Für die Zucht ist das eine verwertbare Streuung. Für den Einzelhund als Familienmitglied ändert das Ergebnis dagegen wenig am praktischen Vorgehen.
Q. Wann sollte geröntgt werden?
Das etablierte Zeitfenster für die Zählung verkalkter Bandscheiben liegt bei 24 bis 48 Monaten (Reunanen et al., 2025). Es handelt sich um ein Zuchtselektionsinstrument: Bruun et al. (2020) ermittelten dafür ein relatives Risiko von 14,78. Bei einem symptomfreien Familienhund ist die Indikation mit der Tierarztpraxis zu besprechen, da für eine saubere Lagerung meist sediert werden muss — und bei brachyzephalen Hunden jede Sedierung sorgfältig abgewogen gehört.
Q. Darf ich mit einem CDDY-positiven Hund in Deutschland züchten?
Ein spezifisches gesetzliches Verbot für diesen Marker gibt es nicht. Maßgeblich ist § 11b TierSchG, der die Zucht untersagt, wenn bei den Nachkommen mit erblich bedingten Leiden, Schmerzen oder Schäden zu rechnen ist; die Auslegung erläutert das Qualzuchtgutachten. Hinzu kommen die Zuchtordnungen des jeweiligen Vereins. Praktisch heißt das: Status der Elterntiere erheben, dokumentieren, Kopienzahl über die Generationen senken und die Entscheidung im Zweifel mit der zuständigen Tierärztin oder dem zuständigen Zuchtverband besprechen.
Q. Was kostet Test und Behandlung im deutschsprachigen Raum?
Der Test ist der kleine Posten: Genomia nennt 56 USD zzgl. MwSt. (rund 50 Euro, je nach Kurs) zuzüglich Versand und Probennahme; für LABOKLIN gilt die aktuelle Preisliste, die Einsendung läuft über die Praxis. Tierärztliche Leistungen in Deutschland folgen der GOT, im Notdienst mit gesetzlichem Zuschlag. Der große Posten ist MRT plus Operation — vierstelliger Euro-Bereich, je nach Klinik. Schriftlichen Kostenvoranschlag verlangen und die Versicherungsklausel zu erblichen Erkrankungen vorher lesen.
Q. Mein Hund kann plötzlich nicht mehr aufstehen — wohin am Wochenende?
Zuerst anrufen, nicht losfahren. Zuständig ist der tierärztliche Notdienst für Ihren Ort; die Notdienstsuche der Landestierärztekammer (in Österreich der Landeskammern, in der Schweiz der kantonalen Notfalldienste) nennt die diensthabende Praxis. Für MRT und Wirbelsäulenchirurgie braucht es eine Tierklinik oder Hochschulklinik (z. B. TiHo Hannover, Vetmeduni Wien, Vetsuisse Bern/Zürich), meist über Überweisung. Kündigen Sie den Verdacht auf einen akuten Bandscheibenvorfall telefonisch an, damit Bildgebung und OP-Slot vorbereitet werden können.
Literatur
- Brown EA, Dickinson PJ, Mansour T, et al. FGF4 retrogene on CFA12 is responsible for chondrodystrophy and intervertebral disc disease in dogs. PNAS. 2017;114(43):11476-11481. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1709082114
- Batcher K, Dickinson P, Giuffrida M, et al. Phenotypic Effects of FGF4 Retrogenes on Intervertebral Disc Disease in Dogs. Genes. 2019;10(6):435. https://www.mdpi.com/2073-4425/10/6/435
- Parker HG, VonHoldt BM, Quignon P, et al. An expressed fgf4 retrogene is associated with breed-defining chondrodysplasia in domestic dogs. Science. 2009;325(5943):995-998. https://www.science.org/doi/10.1126/science.1173275
- Reunanen VLJ, Jokinen TS, Lilja-Maula L, Hytönen MK, Lappalainen AK. Allelic frequency of 12-FGF4RG and the association between the genotype with number of calcified intervertebral discs visible on radiographs in Coton de Tuléar and French Bulldog breeds. BMC Veterinary Research. 2025;21:140. https://doi.org/10.1186/s12917-025-04573-7
- Bruun CS, Bruun C, Marx T, Proschowsky HF, Fredholm M. Breeding schemes for intervertebral disc disease in dachshunds. Canine Medicine and Genetics. 2020;7:18. https://doi.org/10.1186/s40575-020-00096-6
- Sullivan S, Redden D, Hardeng F, Sundqvist M, Kutzler M. The relationship between radiographic disc calcification score and FGF4L2 genotype in dachshunds. Journal of Veterinary Internal Medicine. 2025;39:e17281. https://doi.org/10.1111/jvim.17281
- Packer RM, Hendricks A, Volk HA, Shihab NK, Burn CC. How long and low can you go? PLoS ONE. 2013;8(7):e69650. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0069650
- Sachverständigengruppe Tierschutz und Heimtierzucht — Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes (Qualzuchtgutachten). https://www.bundestieraerztekammer.de/tieraerzte/qualzuchten/Qualzuchtgutachten.pdf
- VDH — Verband für das Deutsche Hundewesen. https://www.vdh.de/
- Österreichischer Kynologenverband (ÖKV). https://www.oekv.at/
- Schweizerische Kynologische Gesellschaft (SKG). https://www.skg.ch/
- Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. https://www.tiho-hannover.de/
- Veterinärmedizinische Universität Wien. https://www.vetmeduni.ac.at/
- Bundestierärztekammer — Qualzuchten. https://www.bundestieraerztekammer.de/tieraerzte/qualzuchten/
- LABOKLIN — Chondrodysplasie (CDPA) und -dystrophie (CDDY) (IVDD-Risiko). https://laboklin.de/de/leistungen/genetik/erbkrankheiten/hund/chondrodysplasie-cdpa-und-dystrophie-cddy-ivdd-risiko/
- UC Davis Veterinary Genetics Laboratory — Chondrodystrophy (CDDY and IVDD) and Chondrodysplasia (CDPA). https://vgl.ucdavis.edu/test/cddy-cdpa
- Genomia — Testing of dogs: CDPA / CDDY (IVDD). https://www.genomia.cz/en/test/ivdd/
- Embark — Genetic Health Testing for French Bulldogs. https://embarkvet.com/resources/genetic-health-testing-for-french-bulldogs/
So lassen Sie Ihr Tier testen
Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich Chondrodystrophie / IVDD (FGF4 CDDY) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet (✅ = gelistet / ❓ = unbestätigt / ❌ = nicht angeboten).
Innerhalb der EU / in Deutschland
Außerhalb der EU
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In anderen Regionen angebotene Dienste (in Ihrer Region ggf. nicht verfügbar)
Sorgen um die Gesundheit Ihres Tieres? — Sprechen Sie mit einer Tierärztin/einem Tierarzt
Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.
Bundestierärztekammer — Tierarztsuche
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