Kurz gesagt: PRA4 beim Lhasa Apso wird autosomal rezessiv vererbt — ein Träger mit nur einer Kopie der IMPG2-Variante bleibt gesund und erblindet nicht durch PRA4. In der Lhasa-Apso-Population sind etwa 18 % Träger (Hitti-Malin et al. 2020), was diese Anlage zu einem relevanten Zuchtthema macht. Die progressive Retinaatrophie manifestiert sich oft erst spät, sodass ein unauffälliger Augenbefund beim jungen Hund die Erkrankung nicht ausschließt. Der DNA-Test ist ein genetisches Risikoscreening auf die IMPG2-LINE-1-Insertion, keine klinische Diagnose — diese stellt die Tieraugenärztin. Ein „freies” Ergebnis für PRA4 schließt nicht alle erblichen PRA-Formen aus, da weitere Gene existieren. Der eigentliche Wert liegt in einer informierten, verantwortungsvollen Zuchtplanung.
- Was PRA und PRA4 sind — und die Rolle des IMPG2-Gens
- Die verifizierte Trägerfrequenz von ~18 % und ihr Wert für die Zucht
- Risikoscreening statt klinischer Diagnose: die Rolle der Augenärztin
- Rezessive Genetik: frei, Träger, betroffen — und was das für die Zucht heißt
- Genetische Heterogenität, keine Heilung — und unterstützende Pflege
- Häufige Fragen
- Quellen
- So lassen Sie Ihr Tier testen
Was PRA und PRA4 sind — und die Rolle des IMPG2-Gens
Die progressive Retinaatrophie (PRA) ist eine Gruppe erblicher Augenerkrankungen, bei denen die Photorezeptoren der Netzhaut fortschreitend absterben. Betroffene Hunde verlieren typischerweise zuerst das Sehen bei Dämmerung (Nachtblindheit), später auch das Tagsehen — der Verlauf ist beidseitig, schmerzlos und mündet schließlich in Erblindung.
PRA ist genetisch heterogen: Bei verschiedenen Rassen liegen unterschiedliche Gene und Mechanismen zugrunde. Beim Lhasa Apso handelt es sich um die als PRA4 bezeichnete Form. Ursächlich ist eine LINE-1-Insertion (etwa 1,6–1,9 kb) im Promotor des IMPG2-Gens. Diese Insertion stört die normale Genregulation, die für die Funktion der Netzhaut benötigt wird.
Beschrieben wurde dieser Zusammenhang von Hitti-Malin und Kolleginnen und Kollegen im Jahr 2020 (BMC Genomic Data, PMID 32894063). Wichtig für das Verständnis: Diese Variante ist rassespezifisch für den Lhasa Apso. Andere Rassen mit PRA — etwa der Tibet-Spaniel oder der Shih Tzu — tragen völlig andere Varianten in anderen Genen; deren Zahlen und Mechanismen lassen sich nicht auf den Lhasa Apso übertragen.
Die verifizierte Trägerfrequenz von ~18 % und ihr Wert für die Zucht
LenaIst diese Anlage bei Lhasa Apsos selten oder kommt sie häufiger vor? Jonas ReuterIn der Untersuchung von Hitti-Malin 2020 lag die Trägerfrequenz bei etwa 18 %, das ist keineswegs eine Randerscheinung.Hitti-Malin et al. (2020) untersuchten 911 Lhasa Apsos aus 22 Ländern. Die ermittelte Allelfrequenz betrug 0,1, und rund 18 % der Tiere waren Träger der IMPG2-Variante. Diese Werte sind rassespezifisch und gelten ausdrücklich nur für den Lhasa Apso.
Eine Trägerfrequenz von etwa einem von sechs Hunden bedeutet nicht, dass viele Lhasa Apsos erblinden — Träger sind gesund (siehe unten). Sie bedeutet aber, dass die Anlage in der Population verbreitet genug ist, um bei einer Verpaarung zweier Träger relevant zu werden. Genau hier liegt der praktische Nutzen der genetischen Testung: Sie macht einen sonst unsichtbaren Anlagestatus sichtbar, bevor Nachwuchs geplant wird.
Für Züchterinnen und Züchter liefert der Test damit eine Planungsgrundlage. In einem strengen europäischen Rahmen versteht sich dies als Information zur Risikominimierung, nicht als starre Vorgabe — die Entscheidung über Verpaarungen liegt bei den verantwortlichen Personen unter Beachtung des Tierschutzgesetzes.
Risikoscreening statt klinischer Diagnose: die Rolle der Augenärztin
LenaWenn mein eigener Hund einen positiven Gentest hat — ist er dann automatisch krank? Jonas ReuterNein, der Gentest weist nur die Anlage nach; die tatsächliche PRA bestätigt eine Tieraugenärztin per Funduskopie oder ERG, wie es auch die Diagnostik-Literatur beschreibt.Der DNA-Test ist ein genetisches Risiko- und Anlageträger-Screening, keine klinische Diagnose. Er weist ausschließlich die IMPG2-LINE-1-Insertion nach. Ob und wann sich klinisch eine PRA entwickelt, lässt sich damit nicht direkt ablesen.
Die klinische Bestätigung einer PRA erfolgt durch eine Tieraugenärztin oder einen Tieraugenarzt, unter anderem mittels Funduskopie (Untersuchung des Augenhintergrunds) und gegebenenfalls Elektroretinographie (ERG). Beide Verfahren beurteilen den tatsächlichen Zustand der Netzhaut, während der Gentest die genetische Anlage erfasst.
Beide Ebenen ergänzen sich: Der Gentest sagt etwas über das Erbgut und das Weitergaberisiko aus, die augenärztliche Untersuchung über den aktuellen klinischen Befund. Für eine vollständige Einschätzung sind beide sinnvoll.
Rezessive Genetik: frei, Träger, betroffen — und was das für die Zucht heißt
LenaMuss ich mir Sorgen machen, wenn mein Hund als Träger getestet wurde? Jonas ReuterEin Träger bleibt gesund und erblindet nicht durch PRA4; relevant wird es erst, wenn zwei Träger miteinander verpaart werden — das zeigt schon die rezessive Vererbung bei Hitti-Malin 2020.PRA4 wird autosomal rezessiv vererbt. Das bedeutet: Erst wenn ein Hund zwei Kopien der IMPG2-Variante besitzt (eine von jedem Elternteil), kann sich klinisch eine PRA4 entwickeln. Ein Hund mit nur einer Kopie ist ein Träger — er bleibt gesund und erblindet nicht durch PRA4, kann die Anlage aber weitergeben.
Das Risiko besteht ausschließlich bei der Verpaarung Träger × Träger: Statistisch sind dann etwa 25 % der Welpen betroffen, 50 % Träger und 25 % frei. Wird dagegen mindestens ein freier Partner eingesetzt, entstehen keine betroffenen Welpen — auch wenn Träger vererbt werden können.
| Genotyp | Bedeutung | Eigene Gesundheit (PRA4) |
|---|---|---|
| Frei (N/N) | Keine Kopie der Variante | Nicht betroffen |
| Träger (N/PRA4) | Eine Kopie, kann weitergeben | Gesund, erblindet nicht durch PRA4 |
| Betroffen (PRA4/PRA4) | Zwei Kopien | Risiko für klinische PRA4 |
Diese klare Logik ist der Grund, warum der Trägerstatus für die Zuchtplanung so nützlich ist: Kennt man den Status beider Elterntiere, lässt sich eine Träger-×-Träger-Verpaarung gezielt vermeiden, ohne wertvolle Träger pauschal aus der Zucht nehmen zu müssen.
Genetische Heterogenität, keine Heilung — und unterstützende Pflege
LenaWenn mein Hund bei PRA4 frei ist, kann er dann überhaupt keine PRA mehr bekommen? Jonas ReuterLeider nein — ein freies PRA4-Ergebnis schließt andere erbliche PRA-Formen nicht aus, denn PRA ist genetisch heterogen, wie schon Hitti-Malin 2020 im Rassekontext betont.PRA umfasst viele verschiedene erbliche Formen mit unterschiedlichen Genen. Ein „freies” Ergebnis beim PRA4-Test schließt daher nicht alle PRA-Formen aus. Es bedeutet lediglich, dass die spezifische IMPG2-Variante nicht vorliegt. Weitere PRA-Gene existieren, und die Forschung ist nicht abgeschlossen.
Für PRA4 gibt es keine Heilung. Die Betreuung eines betroffenen Hundes ist unterstützend ausgerichtet: eine feste, vorhersehbare Umgebung, das Vermeiden umgestellter Möbel, ein Nachtlicht und Geduld helfen dem Tier, sich zu orientieren. Viele Hunde kompensieren einen langsam fortschreitenden Sehverlust erstaunlich gut über Geruch und Gehör.
Der genetische Test dient somit nicht der Behandlung, sondern der Information: Er unterstützt eine vorausschauende Zuchtplanung und hilft Halterinnen und Haltern, sich frühzeitig auf mögliche Entwicklungen einzustellen.
Häufige Fragen
Q. Bedeutet ~18 % Trägerfrequenz, dass viele Lhasa Apsos erblinden?
Nein. ~18 % sind Träger (Hitti-Malin 2020); Träger bleiben gesund und erblinden nicht durch PRA4. Klinisch betroffen können nur Hunde mit zwei Kopien der IMPG2-Variante sein, die aus einer Träger-×-Träger-Verpaarung hervorgehen.
Q. Mein junger Lhasa Apso hat einen unauffälligen Augenbefund — ist PRA4 damit ausgeschlossen?
Nein. PRA ist oft spät manifestierend, sodass ein normaler Augenbefund beim jungen Hund die Erkrankung nicht ausschließt. Genau deshalb ist die genetische Testung gerade vor der Zucht wertvoll, da sie die Anlage unabhängig vom aktuellen Sehvermögen erfasst.
Q. Ist der DNA-Test eine Diagnose, dass mein Hund erkranken wird?
Nein. Der Test ist ein genetisches Risikoscreening und weist die IMPG2-LINE-1-Insertion nach, keine klinische Diagnose. Die tatsächliche PRA bestätigt eine Tieraugenärztin per Funduskopie oder ERG.
Q. Wenn der PRA4-Test „frei” ergibt, ist mein Hund vor jeder PRA sicher?
Nein. Ein freies PRA4-Ergebnis schließt nur diese eine IMPG2-Variante aus. PRA ist genetisch heterogen, und weitere erbliche PRA-Formen existieren, die dieser Test nicht abdeckt.
Quellen
- Hitti-Malin et al. 2020 — Beschreibung der IMPG2-LINE-1-Insertion (PRA4) beim Lhasa Apso, Allelfrequenz 0,1, ~18 % Trägerfrequenz, BMC Genomic Data (PMID 32894063): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32894063/
- Genomia — kommerzieller PRA4-Test für den Lhasa Apso mit Erläuterung von Gen und Mechanismus: https://www.genomia.cz/en/test/pra4/
- Diagnostischer Kontext zu PRA und Augenuntersuchung (Funduskopie/ERG), PMC: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10472985/
- OMIA (Online Mendelian Inheritance in Animals) — Datenbank-Einstieg zur Übersicht erblicher PRA-Formen bei Tieren: https://omia.org/
So lassen Sie Ihr Tier testen
Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich PRA (Netzhautatrophie) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet.
Innerhalb der EU / in Deutschland
Außerhalb der EU
Sorgen um die Gesundheit Ihres Tieres? — Sprechen Sie mit einer Tierärztin/einem Tierarzt
Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.
Bundestierärztekammer — Tierarztsuche
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Diese Seite bietet bildende Information, keine tierärztliche Diagnose oder Beratung. Entscheidungen zur Gesundheit Ihres Tieres treffen Sie bitte stets mit einer Tierärztin oder einem Tierarzt.


